Kritik am Roman

Mit der Veröffentlichung 1985 waren neben den meisten Lesern auch die Kritiker begeistert. Allerdings gibt es auch einiges an negativen Kritiken. Nachfolgend möchten wir Ihnen gern einige Zitate aus Rezensionen vorstellen.

Des Mörders betörender Duft, am 02.03.1985 in der FAZ erschienen, Autor: Marcel Reich-Ranicki

“Also das gibt es immer noch oder schon wieder: einen deutschen Schriftsteller, der des Deutschen mächtig ist. (…)
Aber des Lebens ungemischte Freude wird uns Lesern der zeitgenössischen deutschen Romane nur sehr selten zuteil. Wer die erste Hälfte dieses Buches geradezu mit roten Backen zur Kenntnis genommen hat, der muß später einige Enttäuschungen in Kauf nehmen. (…) In dieser zweiten Hälfte mutet Süskinds Prosa ein wenig epigonal an. Aber wen ahmt er nach? Keinen unteren als sich selber. Er wiederholt sich. Und warum, ist ihm etwa die Puste ausgegangen? Ich glaube, es gibt da noch einen anderen, vielleicht triftigeren Grund. Die Biographie des Mannes mit der einzigartigen Witterung ist zwar von Anfang an als Gleichnis angelegt, doch sind die parabolischen Elemente vorerst noch dezent: Es triumphiert immer wieder das artistische Temperament eines Erzählers, dem es Spaß macht, den Lesern allerlei vorzuflunkern und sie damit vorzüglich zu unterhalten. Nachher hingegen ist es umgekehrt, Süskind bemüht sich jetzt in wachsendem Maße um den gleichnishaften Charakter seiner Geschichte. Dieser wird tatsächlich immer deutlicher – und leider auch immer aufdringlicher. So paradox dies auch anmuten mag: Wo er dem Spieltrieb nachgibt, da gerade hat seine Prosa Gewicht, wo er aber um den tieferen Sinn seines Buches besorgt ist, da wird es oberflächlicher und auch artifizieller. (…)
Jedenfalls ist es schön, endlich einmal feststellen zu können: Unsere Literatur hat ein Talent mehr – und ein erstaunliches obendrein.”

Ein Stänkerer gegen die Deo-Zeit, am 04.03.1985 im Spiegel (Nr. 10) erschienen, Autor: Michael Fischer

“(…) Süskind, ein milder Epigone, schreibt sein Buch im Duktus traditioneller Autoren, mit der Kraft fast vergessener Worte, ein erfreulicher Anachronismus im modischen literarischen Bla-Bla. Als ironischer Erzähler tritt er immer wieder aus den Zeilen heraus, nimmt den Leser bei der Hand und führt ihn naseweis durch seinen duften Garten der Genrüche. Autor wie Leser suhlen sich in der dicken Luft der Düfte.
In unserer Zeit, wo ‚sämtliche Gerüche zum Schweigen gebracht wurden’, (Corbin), hat Süskind die irdischen Elemente Gestank, Schmutz, Schweiß und Scheiße wieder zum Dampfen gebracht. Sein Buch ist eine Reise zurück zu den animalischen Instinkten und eine Stänkerei gegen die moderne Deo-Zeit.”

Das Scheusal als Romanheld, am 15.03.1985 in der neuen Züricher Zeitung erschienen, Autor: Beatrice von Matt

“(…) Es handelt sich hier um ein Stück von teilweise überaus handfertig hergerichteter Spektakelliteratur. Da werden ungehemmt alle nur denkbaren Reize eingesetzt. Der Reiz eben des Monströsen, der ausgefallenen Triebstruktur. (…) Der Reiz des historisch Exotischen kommt sodann zum Spielen. (…)
Heinrich Heine hat das Bedürfnis, das sich gegen Spiessbürgerei und Langeweile regen kann, ein Bedürfnis, dem dieser pikareske Roman entgegenkommt, im Gedicht ‚Anno 1829′ formuliert: ‚O dass ich große Laster sah / Verbrechen, blutig, kolossal – / Nur diese glatte Tugend nicht / Und zahlungsfähige Moral!’
Schon einige Zeit versuchen Schriftsteller auf solchen Lesehunger zu reagieren – es ist im übrigen einer, von dem sich die Romanliteratur als Gattung seit je genährt hat. Die Alltagsmiseren haben die künstlerische Anziehungskraft, den Unterhaltungswert eingebüsst, so gut wie die wehleidigen Innenansichten. (…) Süskind – ohne Zweifel hochbegabt, aber unvergleichlich eindimensionaler, einspuriger als Grass, aus dessen ‚Blechtrommel’ er tüchtig gelernt zu haben scheint – versteht sich auf die nötigen Zugaben von Trivialität. Zur Geschichte der angesprochenen Epoche etwa in Paris erfährt man herzlich wenig – einige historische Lokalitäten und Vokabeln genügen, wie in einem Kostümfilm, der ja auch Exotik und nicht Zeitanalyse einbringen will. (…)”

Viel Flottheit und Phantasie, am 28.03.1985 in der Süddeutschen Zeitung erschienen, Autor: Joachim Kaiser

“(…) Ein Roman, der im einzelnen locker, phantasievoll und unbekümmert erzählt, sich dabei aber nicht nur auf irgendwelche grausig-schelmenhaften Absonderlichkeiten, sondern auf große, gewichtige, kollektive Handlungsmuster zwischen Künstler-Roman und antiken Verblendungs-Zusammenhängen bezieht – ein solcher Roman scheint doch geradezu vorbildlich, ja idealtypisch gelungen? Leider nicht ganz (…) Die Mythen schnurren zusammen zu Anekdoten. Zwischen konkreten Schilderungen und riesigen Bedeutungen bleiben die Lücken gar zu groß, und in der schrägen Perspektive eines schwarzen Schelmen-Romans wird Menschliches oder Verbindliches immer nur momentweise sichtbar. (…)
Fazit: Die Idee des Buches ließe sich eventuell mit der Kraft des Grass’schen ‚Blechtrommel’-Entwurfs vergleichen, aber gewiß nicht die Durchführung und die literarische Entfaltung. Medien-Erfahrung (auch Faulkner schrieb für Hollywood) muß nichts unbedingt Verwerfliches sein. Doch so wie Gebrauchsgraphik dem Kunst-Stil schadet, so bedeutet Fernsehspiel-Routine für Prosa zumindest eine Gefahr, vor welcher dieser hoch begabte und einfallsreiche Autor herzlich gewarnt sei.”

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